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30.05.2018, Jamal Tuschick

Alida Bremer - Die alten Römer

Die alten Römer und wir: Mein Beitrag zu den Fragen der Herkunft

Ich bin am Mittelmeer geboren. In einem modernen dreistöckigen Gebäude aus dem Jahr 1948, das in den ersten Jahren als "Werftdirektion" diente. Der Schiffsbau wurde in den frühen sozialistischen Jahren im damaligen Jugoslawien großgeschrieben. Damals stellte man das schönste und jüngste Gebäude voller Fenster, das großzügig von einem Park umgeben wurde, der Werft zur Verfügung. Gegenüber lag das Fußballspielfeld, so dass die Angestellten der Werftdirektion kein Spiel von "Hajduk" versäumten. Nach den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und nach anfänglichem Zögern (man konnte dem Frieden nicht sofort trauen) war es allerdings nur eine Frage der Zeit, dass überall Babys geboren wurden. Kinder, so stellte man damals im Stadtkomitee fest, seien wichtiger als Schiffe, und deshalb widmete man die Werftdirektion bald in ein Geburtshaus um. Diese weise Entscheidung kam mir, meiner Genration und einigen weiteren Generationen zugute. Inzwischen hat meine Stadt eine neue Frauenklinik bekommen. Wir aber, die in jenem Geburtshaus gegenüber dem alten Fußballstadion geboren wurden, betrachten uns als etwas Besonderes. Jede Herkunft braucht eigene Mythen und Legenden.

Das Foto von meinem ersten Spaziergang in einem runden und auf winzigen Rädern rollenden Kinderwagen zeigt meine schlanke und schöne Mutter in ihren, einige Nummern zu kleinen Pumps, die sie in einem amerikanischen Care-Paket bekommen und bis zu diesem Frühjahr des Jahres 1959 aufbewahrt hatte, wie sie an der Uferpromenade entlang stolziert.  Es wäre vermutlich besser für die Gesundheit ihrer Füße gewesen, wäre sie ihrem ersten Impuls gefolgt und hätte die Schuhe ihrer jüngeren Schwester geschenkt, aber dafür war sie einfach zu eitel. Ich konnte das Meer aus dem Kinderwagen nicht sehen, aber bestimmt atmete ich die salzige Luft ein. Vielleicht hörte ich auch die Wellen rauschen und eine Möwe kreischen, eigentlich hört man sie dort immer.

Mare Nostrum nannte man im Römischen Reich das Mittelmeer, und später nannten die gebildeten Europäer das Mittelmeer gerne "die Wiege der europäischen Kultur". Mare Nostrum hieß eine viel gelobte Operation der italienischen Marine und Küstenwache zur Rettung von Flüchtlingen, die nur ein Jahr andauerte: von Oktober 2013 bis Oktober 2014. Damals wie heute kreuzten Luxusschiffe mit Touristen die Wege der überfüllten Gummiboote. Mare Nostrum hieß eine "Anthologie der kroatischen Lyrik über das Meer", die ich in meinem Gymnasium in Split bei einem Poesiewettbewerb gewann. Worüber hatte ich geschrieben? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Vielleicht habe ich in einem Sonett das Zermahlen der Muscheln zu Sand besungen oder das Verschwinden einer Insel aus Sicht eines Betrachters an Regentagen, die am Mittelmeer viel schöner sind als die sonnigen Sommertage - diese Tatsache gehört zu jenen Geheimnissen des Südens, zu welchen die Touristen nur sehr schwer vordringen. Den Touristen bleibt auch das blanke Schrecken des Meeres unbekannt, seine mörderischen Tiefen. Seine funkelnde Oberfläche, die sich gleichgültig über einem Massengrab schließen kann.

32 Jahre vor mir wurde in meiner Stadt Enzo Bettiza geboren, ein stilistisch brillanter italienischer Journalist und Schriftsteller. Er war Spross einer wohlhabenden Familie. Seine sich als Italienisch bezeichnende, ethnisch heterogene Familie, fühlte sich damals unter den Kroaten und allen anderen Bewohnern der Stadt Split wohl.  Hier lebten auch Serben, Österreicher, Deutsche, Ungarn, Türken, Tschechen, sephardische Juden, bosnische Mohammedaner, Albaner, Bulgaren, Rumänen, Montenegriner, Mazedonier, Griechen, Russen und vereinzelte Franzosen, die vergessen hatten, mit Napoleon abzuziehen. Die Vorfahren der Italiener lebten seit Jahrhunderten in Dalmatien, und einige von ihnen bildeten sich sogar ein, dass sie eine kulturelle oder gar genealogische Kontinuität mit den Römern nachweisen können. Dabei waren auch die Römer irgendwann hierhergekommen. Ein ständiges Kommen und Gehen, so könnte man die Geschichte dieser südosteuropäischen Küste beschreiben.

Die Römer hatten den Palast erbaut, in dem die Bettizas (und meine) Geburtsstadt Split in den langen 1700 Jahren wie eine wilde Rose aufblühte. Das Herz dieser Rose bildet ein Oktogon: Ein achtstrahliger Stern, der die Vollkommenheit darstellt, ist im Grundriss des alten Mausoleums nachgezeichnet, aus dem sich heute ein Campanile emporschwingt. Das Mausoleum war für den Kaiser Diokletian gebaut und wurde später zur christlichen Kathedrale geweiht, so wie der Tempel von Jupiter später ein Baptisterium wurde. Die römischen Statthalter hatten einen syrischen Märtyrer getötet, der sie zum wahren Glauben bekehren wollte. Vergeblich, denn schließlich ließen auch sie, die Verehrer von Jupiter, das Christentum zu, und so wurde der tote Syrer zum Patron der Stadt, die einst von Kaiser Marcus Aurelius Gaius Valerius Diocletianus gegründet worden war. Diokletian hielt sich für einen Nachkommen des Gottes Jupiter, deshalb stellte er seiner schönen Namensreihe den Zusatz Iovius bei.

Der goldene Sarkophag jenes für die Wahrheit der Lehre Christi gestorbenen Syrers ist noch immer in der Kathedrale von Split zu bewundern, die früher also eine heidnische Grabstätte war. So wie die Menschen durch den Raum, so wanderten die Gebäude durch die Zeit. Der Syrer wird von den heute in Split lebenden katholischen Kroaten als Heiliger Duje verehrt – sein Name war Dujam. Er war freilich auch ein Römer, denn Syrien war damals Teil des Römischen Reichs. Zu seinem Namenstag, Sudamja genannt, zieht eine große Prozession durch die Stadt. Gaukler, Trommler, Feuerschlucker und Zuckerwatteverkäufer folgen ihr. Auf dem Markt verkauft man an diesem Tag buntes, handbemaltes Kinderspielzeug aus Holz und ebenfalls aus Holz angefertigte Kochlöffel, auf denen eingraviert steht: "Möge euch Sudamja Wohl bringen".

An diesem Adriaufer, an dem ich aufgewachsen bin - heute eine Destination, was so viel bedeutet, wie ein von Touristen heimgesuchtes und immer weniger für die Einheimischen bewohnbares Reiseziel - , wechselten im Verlauf von 1700 Jahren die politischen Herrschaften und gesellschaftlichen Systeme bisweilen so schnell wie die Gezeiten des tiefblauen Meeres, das wie ein riesiges Auge die Stadt bewacht. Das war schon vor den Römern so, aber die Römer waren besonders erfolgreich, deshalb beginnt man die Geschichte der Stadt von den Römern an zu erzählen. Ihre Herrschaft währte außerdem am längsten - zumindest kommt es einem so vor, wenn man ihre Hinterlassenschaft in der Stadt anschaut. Sic transit gloria mundi - mitunter wäre es wünschenswert, dass wir uns mit Demut an die Vergänglichkeit aller Herrschaftsformen erinnern. Die Römer hatten damals nicht nur das gesamte Mare Nostrum ihrer kulturellen, militärischen und wirtschaftlichen Macht untergeworfen, sie waren auch bis in die dunklen teutonischen Wälder vorgedrungen. So gesehen waren nicht nur alle Bewohner des Mittelmeerraumes sondern auch alle Europäer irgendwann einmal Römer. Damit tröste ich mich, wenn ich mich bisweilen in Westfalen fremd fühle, wo ich viel mehr Zeit meines Lebens verbracht habe als in Dalmatien.

In Dalmatien - so heißt die einstige römische Provinz an der Adria, dessen heutige Hauptstadt meine Geburtsstadt Split ist -  hat es ob dieser römischen Vergangenheit ab und zu Bedrängnisse gegeben. Angefangen hat es mit den Nationalstaaten. Darüber, wann diese sich zu formen begannen, wieso und warum, wurde freilich viel geschrieben; hier sei nur gesagt, dass ein vom Kommen und Gehen seiner Bewohner derart bezeichnetes Ufer wie die östliche Adria leicht Schwierigkeiten mit der Zuordnung zu einem Nationalstaat bekommen kann. Einige Italiener in Dalmatien hatten zum Beispiel im frühen zwanzigsten Jahrhundert plötzlich entdeckt, dass sie zum italienischen Staat gehören wollten. Und dass sie mehr Rechte auf jene allgemeine römische Vergangenheit haben, als alle anderen Europäer. Sie verglichen die Leichtigkeit, mit welcher sie in der Schule Latein lernten, mit der Mühe, die ihre slawischen Mitschüler damit hatten, von den überforderten Deutschen, Türken oder Ungarn ganz zu schweigen.  Und schon war der Beweis für das italienische Vorrecht auf Dalmatien erbracht! Nach dem Motto cuius lingua, eius regio. Allerdings sprach die Mehrheit um sie herum, die ihnen plötzlich barbarisch vorkam, eine slawische Sprache.

Enzo Bettiza schrieb in seiner Autobiographie darüber. Seine Mutter, eine orientalisch anmutende Schönheit, stammte aus einer montenegrinischen Familie, die lange in Dalmatien ansässig war, und die dem serbischen Königshaus die Treue geschworen hatte. Das Italienische an der Familie seines Vaters war nicht ethnisch. Das Italienische bestand in dem Erforschen des alten Roms, in der Vorliebe für Dante, in einer unerfüllten Sehnsucht nach der Pracht der Fontana di Trevi, im Kauf der ersten Fiat-Modelle und in einer seltsamen Treue zu den Habsburgern, die einige Mitglieder der Familie Bettiza während des Ersten Weltkriegs in italienische Gefangenschaft führte. Die Habsburger-Treue macht sie dem Triestiner Schriftsteller Italo Svevo ähnlich, nur dass er außer italienischer auch deutsche Vorfahren hatte, während die Bettizas - wenn überhaupt - bloß einige italienische und ansonsten slawische Vorfahren vorweisen konnten. Doch ausgerechnet die Tatsache, dass für sie die verschiedenen ethnischen Wurzeln der Familienmitglieder nicht die entscheidende Rolle für ihre Identität spielten, machte ihren römischen und ihren habsburgischen Geist aus - die alten Bettizas wollten lieber durch ihre Bildung, durch die freie Wahl ihrer Vorlieben und ihrer Gesinnungen bestimmt werden als durch das Blut. Das Gerede vom Blut fanden sie einfach ordinär.

„Mein Vater war ein uomo austriaco“, schreibt Bettiza. Diese Spezies - ein sich als Italiener empfindender Österreicher kroatischer Herkunft; andere Kombinationen waren ebenfalls möglich, etwa ein sich als Ungar empfindender Österreicher böhmischer Herkunft - war bereits am Aussterben, als der Sohn Enzo, mit vollen Namen Vincenzo, der jüngere der beiden Bettiza-Söhne, geboren wurde.  Während sein älterer Bruder im Jahr 1941 mit der Übernahme der Stadt Split durch italienische Schwarzhemden zum glühenden Faschisten wurde, blieb der jüngere in jenen entscheidenden Jahren skeptisch und zurückhaltend wie sein Vater. Mit dem älteren Bettiza-Sohn, der das Blut zum Herkunftsmerkmal erklärte, mit anderen ihm ähnlichen jungen Männern und mit ihrer Begeisterung für die faschistischen Eindeutigkeiten endete eine Ära an der östlichen Adria-Küste: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwanden die letzten - vermeintlichen oder wahren - Nachkommen der alten Römer. Enzo Bettiza liebte seine Geburtsstadt, ging aber mit der Mehrheit der Italiener ins Exil, vom Ost- zum Westufer desselben adriatischen Meeres.

Alle reden über ihre Herkunft, das ist derzeit en vogue.  Deshalb gedenke ich nun aller, die zu meiner Herkunft gehören: Der Römer und der Habsburger, des Kaisers Diokletian und des Kaisers Napoleon Bonaparte, des syrischen Urchristen Dujam, des sephardischen Juden Daniel Rodriguez, der nach der Reconquista bis nach Split flüchtete, in meiner Geburtsstadt ein Lazarett einrichtete und damit den Handelsweg der osmanischen Türken und der Venezianer über Split lenkte, was sich als entscheidendes Moment in der Stadtentwicklung zeigte - ihm sei hier noch einmal ausdrücklich gedankt,  auch wenn er im 16. Jahrhundert lebte; weiter gedenke ich des Schriftstellers Enzo Bettiza und seines Vaters, der an die Vorzüge eines multikulturellen Reiches glaubte, wie die Reiche der Römer und der Habsburger es waren, und auch seines älteren Bruders, des schwarzen Schafs, der an das faschistische Italien glaubte. Ein törichter Glaube, wie sich herausstellte - und immer wieder herausstellen wird. Ich gedenke meines Großvaters, der die Faschisten bekämpfte, und seiner Töchter, die von der heimischen dalmatinischen Küste bis nach Ägypten flüchteten und im Flüchtlingslager El Shatt auf das Ende des Zweiten Weltkriegs warteten. Ich gedenke der sozialistischen Schiffsbauer und der Amerikaner, die meiner Mutter Pumps schickten. Mit Trauer gedenke ich der neuzeitlichen Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrunken sind. Auch sie gehören zu meiner mediterranen Herkunft, die ich nach Westphalen mitgebracht habe.

Ich gedenke aller Flüchtlinge, Heilige, Abenteurer, Baumeister, Missionare, Soldaten, Hochstapler, Händler, und aller anderen, die im Verlauf der Jahrtausende von überall her nach Split kamen und schließlich jener unruhigen Naturen, die von Split in die Welt gingen, so wie ich es einst getan habe. Ich gedenke auch der Touristen.

Jeden Sommer belustigen als römische Soldaten verkleidete Schauspielstudenten der Akademie für darstellende Künste aus Split die Touristen. Auf dem von Säulen, die Diokletian aus Ägypten bringen ließ, umgebenen Platz namens Peristil gibt es Wachablösungen. Die Soldaten in purpurfarbenen kurzen Togas mit Lanzen und Helmen aus goldfarbener Pappe zeigen ihre sonnengebräunten Beine und versuchen ihre Gesichtszüge durch eine martialische Aura zu verhärten.  Aus dem Vestibül im hinteren Teil des Diokletianpalastes erscheinen jeden Tag um Punkt zwölf Uhr der Imperator Diocletianus und seine Gattin Prisca Hand in Hand. Auf Latein ruft der Kaiser der versammelten Masse zu, dass die Tore seines Palastes für sie geöffnet seien und fragt sie dann auf Englisch: "Oh, ihr versteht mich nicht?", was jedes Mal erleichterte Lachsalven hervorruft. Diese Masse, die sich aus Japanern, Franzosen, Deutschen, Briten, Indern, Australiern, Koreanern, Chinesen, US-Amerikanern, Italienern, Polen, Russen, Spaniern zusammensetzt, trägt ähnliche Kleidung, ähnliche Sonnenbrillen, ähnliche Rucksäcke, die gleichen "Lonley Planet"-Reiseführer und die unterschiedlichsten Plastikwasserflaschen in den Händen. Zusammen bilden sie das Volk der Touristen. Ihre Kommunikationssprache ist Englisch, ihre Historie wird in den Blogeinträgen von TripAdvisor und Airbnb geschrieben. Ein fröhliches, gottloses Volk, das nach Vergnügen sucht.

Noch heftiger lacht die versammelte Menge, wenn der den römischen Kaiser spielende kroatische Student seinen Daumen nach unten reckt, da er sich unzufrieden zeigt, wie seine touristischen Untertanen „Ave“ rufen. Erst wenn seine ebenfalls schauspielenden Kollegen, die für einige Euro in der erbarmungslosen Hitze die römischen Soldaten darstellen, drei Mal hintereinander „Ave, Ave, Ave“ brüllen, um es vorzuführen, und der Kaiser pantomimisch „Hört ihr, so muss es klingen“ mitteilt, ruft die Menge verzückt und geschlossen „Ave, Ave, Ave".

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