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17.06.2021, Jamal Tuschick

Outlaw Sniper

Odysseus benutzt Neoptolemos, um Philoktet einzuseifen und aufzuweichen. Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte und den besten Absichten, Philoktet zu entwaffnen. Dem geächteten Scharfschützen kann man schmeicheln. Man stellt ihm ein günstiges Andenken in Aussicht. Die Nachwelt soll den Aussätzigen achten. 

© Jamal Tuschick

In der Wahrheit des Mythos

Heiner Müllers Hauptinteresse galt Odysseus, der in Lesarten des Kalten Krieges „als stalinistischer Korporal“ erschien

Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte

Eine Schlange beißt Philoktet, die Wunde eitert. Der Eiter stinkt zum Himmel. Kollegen von der hellenischen Heeresleitung, man ist auf dem Weg nach Troja, reagieren auf verbreiteten Unmut, indem sie dafür sorgen, dass ihr Meisterschütze auf Lemnos (nach einer Odysseusorder) ausgesetzt wird. Auf Lemnos ist nichts los, behauptet Sophokles. Der unfehlbare Philoktet holt die Inselgeier auf den Boden der Tatsachen, die sich nach Brecht in der Frage erschöpfen: „Wer frisst wen?“

„Als noch der Mensch des Menschen Todfeind war/Das Schlachten gewöhnlich, das Leben eine Gefahr.“ – Die Aasfresser ernähren Philoktet, er verwandelt sich in der Abwesenheit von Zivilisation. Die Robinsonade ohne Schiffbruch zieht sich zehn Jahre hin, dann landet eine Delegation mit Odysseus an der Spitze auf Lemnos, um Philoktet zu reaktivieren. Der offizielle Sinneswandel hängt mit einem Orakel zusammen. Das Orakel macht Politik, wenn es behauptet, nur Philoktet und sein von Herakles übernommener Wunderbogen könne die Eroberung Trojas bringen.

Philoktet ist sauer, er will mit der griechischen Gesandtschaft nichts zu tun haben. Das kann man verstehen. An seiner Stelle hätte manche(r) den intriganten Marinekapitän Odysseus und diesen außerdem angeschwemmten Neoptolemos (Sohn des Achill) gewiss gleich umgelegt. Aber das ist Sophokles ein zu kurzer Prozess.

Odysseus benutzt Neoptolemos, um Philoktet einzuseifen und aufzuweichen. Neoptolemos lügt mit einer wahren Geschichte und den besten Absichten, Philoktet zu entwaffnen. Dem Scharfschützen kann man schmeicheln. Man stellt ihm ein günstiges Andenken in Aussicht. Die Nachwelt soll den Aussätzigen achten.

„Da lachen doch die Hühnergeier“, bemerkt Jane Jakarta im Gespräch mit Arizona Coogan und Brain (nicht Brian) Thundergod*. Doktor Brain, wie wir vom Alphaworldteam zärtlich unsere beste Agentin nennen, erwähnt Heiner Müller.

Im Posaunenpräsens der lächerlichen Machtverhältnisse in einem Pippistrumpfland, das vor der Geschichte kapitulierte:  

HM schreibt 1950 ein ansatzweise heroisches „Philoktet“-Gedicht. Die Dramatisierung des Stoffs fällt in die Zeit seiner eigenen Ächtung. Er ist der Ausgeschlossene, veröffentlichen kann er nur unter Pseudonym.

„Die Erfahrungen, die gerade hinter mir lagen, (Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1961) haben mir den Stoff ganz anders aktuell gemacht.“

Gleichzeitig gilt sein Hauptinteresse Odysseus, der in Lesarten des Kalten Krieges „als stalinistischer Korporal“ verstanden wird. Solche Deutungen verfehlen nach Müller das Wesentliche. Für ihn ist Odysseus die tragische Figur.

In „Drei Punkte zu „Philoktet“ stellt er fest: „Die Handlung ist Modell nicht Historie. Sie bietet Gelegenheiten, Haltungen zu zeigen, nicht Bedeutungen. Für Müller sind „Philoktet, Odysseus und Neoptolemos Clowns und Gladiatoren ihrer Weltanschauung“.

Lemnos als Anstalt. Darin hat sich Philoktet mit seinem Hass auf Odysseus & Co. zur Ruhe gesetzt. So lange hat ihn sein Hass gekühlt, jetzt erhitzt ihn die tödliche Aufrichtigkeit des Neoptolemos. Das ist schon infam.

Philoktets Demobilisierung gelingt. „Was wir hier zeigen, hat keine Moral/ Fürs Leben können Sie bei uns nichts lernen“, Odysseus führt Philoktet weiter hinters Licht. Der Gefoppte stampft auf im Trotz. Er brüllt wie auf einem attischen Markt. „Die Aushöhlung der Werte drückt sich im Pomp der Fassade aus, ... der Humanismus trägt Uniform. ... Der Verschleiß der Rüstungen im Dienst ... soll den Glanz der Sprache durchsichtig machen als Instrument von Herrschaft.“ (H.M.

Stets geht es um den Bogen, mit dem Philoktet unfehlbar ist. In der Wahrheit des Mythos kämpft Philoktet wieder und weiter und folgt so einer göttlichen Anweisung. Müller schickt die Götter der Griechen aber in den Ruhestand. Die Vorsehung hat Feierabend.