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18.09.2021, Jamal Tuschick

Raumflug des Geistes

Eine Verbindung ohne Vertraulichkeit

„Sie sollten sich über diesen Ungeist wirklich einmal orientieren“

Ich beschäftige mich mit dem Briefwechsel zwischen Theodor W. Adorno und Hans Magnus Enzensberger von 1955 bis 1966, nachzulesen im jüngsten Heft von Sinn und Form

Im Oktober 1955 lässt Alfred Andersch* seinen jungen Mann, Dr. Enzensberger, den „verehrten Herrn Professor Adorno“ um „ein paar stimulierende Zeilen“ bitten. Hochachtung und Distanz diktieren die Diktion.  

*„Andersch gründete 1955 beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart die „Radio-Essay-Redaktion“. Wikipedia

In seiner Vorbemerkung weist Jan Bürger auf die besondere Note hin. Im Milieu der ersten Kontakte gab es keine besonders starken Anker der Plausibilität für Adornos Zugänglichkeit im Verhältnis zu einem „fünfundzwanzigjährigen Intellektuellen in der Adenauerzeit“. Deutlicher als die meisten erkannte der Remigrant die Einübung des Gedächtnistheaters (Y. Michal Bodemann) als Selbstexkulpationsveranstaltung der bundesrepublikanischen Bürger:innen. Klar, Enzensberger war ein aufgeweckter, seine Generationsgenoss:innen überragender Debütant. Interessant bleibt die Frage, warum das reichte, eine geistig-erotische Verbindung zum Neben-Doyen der Frankfurter Schule aufzubauen.  

In seiner Rolle als Redakteur muss Enzensberger Adornos überschießende Produktivität kupieren. Er achtet sehr darauf, dem Arivierten nicht auf die Füße zu treten. Er tritt leise auf und rühmt das „hohe spezifische Gewicht“ der Sprache des Essayisten. 

Adornos Motor ist ein gewaltiges Ding. Enzensberger erscheint neben dem Giganten wie ein Springinsfeld. Enzensberger erkennt in Adorno den Stichwortgeber seines Unbehagens am verdrängenden Weiterwichteln. Aus dem Übermensch kroch ein Zwerg und verpisste sich als Opfer. Enzensberger erbittert die Selbstgerechtigkeit der Täter:innen. Die Dialektik der Aufklärung hilft ihm, sein Repertoire „von der Schlacke der Hilflosigkeit zu reinigen“. 

Adorno liefert Enzensberger Munition. Der Lieferant erfreut sich am smarten Skeptiker.

Enzensberger erkennt die Ladung der Kritischen Theorie. Sie schließt „jeden Akt der Versöhnung“ aus. Dies mit hyperbourgeoisem Gestus ex cathedra zu verkünden, ist ein Raumflug des Geistes, der Bewunderung hervorrufen muss.  

Machen wir uns nichts vor. Enzensberger erkennt in Adorno auch eine Stil-Ikone. Er lernt, wie man mobilisiert, ohne sich gemein zu machen. Adorno rät dem Spund zum „Brechtschen Begriff des Umfunktionierens“ Zuflucht zu nehmen, und sich den Massenmedien nicht mit kulturindustriekritischen Argumenten zu entziehen. Degoutant sei es, sich „auf handgeschöpften Bütten tummeln (zu) wollen“. 

Immer mal wieder rutscht etwas Privates in die Konversation, in der ein akademischer Lehrer zu einem vielversprechenden Schüler spricht. Kein denkbares Abhängigkeitsverhältnis wird zum Spannungsfeld. Das Vornehme kaschiert jede Notdurft. Niedrigere als eben die höchsten Beweggründe erscheinen in keinem Fall relevant. Unangenehmes ordnet Enzensberger geschickt dem oft unerreichbaren Andersch zu. Dabei wirkt Enzensberger niemals liebedienerisch oder schranzenhaft. Sein Format zeigt sich im Vollbild ohne Vorlauf.  

Aus der Vorbemerkung von Jan Bürger

„Mitte der sechziger Jahre prägten Hans Magnus Enzensberger und Theodor W. Adorno den noch vergleichsweise kleinen Suhrkamp Verlag wie eine Doppelspitze. Beide waren auf unterschiedliche Weise Identifikationsfiguren, beide rückten mit ihrem Sensorium für politische, soziale, kulturelle und künstlerische Probleme die Wirtschaftswunder- Gesellschaft gewissermaßen zurecht: Der 1903 in Frankfurt geborene und 1934 ins Exil gegangene Adorno stellte durch seinen intellektuellen Anspruch, die Ausnahmerolle des Remigranten und nicht zuletzt durch seine Präsenz im Massenmedium Radio besonders für Studierende die Verbindung zur deutschsprachigen Wissenschaft und Kultur vor 1933 wieder her, die wesentlich von Intellektuellen mit jüdischem Familienhintergrund geprägt wurden. Zudem galt er als überragender Rhetor, der es wie wenige verstand, hochkomplexe Gedanken frei vor seinem Publikum zu entwickeln.“