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2022-01-25 08:44:53, Jamal Tuschick

Lichtgestaltlegende

„Man selbst zu sein ist ein Gefühl; und niemand anders wird das je so direkt wissen wie man selbst.“ Ludwig Huber

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„Der Anschein von Wahl ist ein Vorschein von Freiheit.“ Heiner Müller.

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„Das Böse ist meist nicht auf den ersten Blick zu sehen.“ Radka Denemarková

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Kommunismus chinesischer Prägung ist ein stabiler Begriff mit einer legalistischen Funktion. Er dient dem Machterhalt einer Elite, die vor allem den evolutionären Ideenwettbewerb kontrollieren will. Die Weggefährt:innen und konkreten Nachfolger:innen Maos sahen/sehen den großen Führer kritisch. Die offizielle Lesart spiegelt die (gewiss gar nicht so selten aversive) Kritik nicht. Räumten die Kader Maos Fehler ein, verlören sie Raum. Ihre Vorherrschaft im chinesischen Haus hängt von der maoistischen Lichtgestalt-Legende ab.

Vorsorgliches Nachschauen

Radka Denemarková schildert den Dalai Lama nicht nur als ein Opfer usurpatorischer Repression, sondern auch des Neoliberalismus

In Peking schwitzen Autos um Mitternacht. Sie „hupen um Hilfe“.

„Wolkenkratzer beäugen sich voller Hass.“

Ein Gebäude lässt „die Schriftstellerin“ an eine „riesige Zigarre oder (an ein) erigierte(s) Glied“ denken. Kolossale Wohnmaschinen laden sie zu einem Vergleich mit den „Plattenbauten Prags“ ein. In dieser Relation sind die heimatlichen Einheiten „kleine Pappschachteln für kaputte Püppchen“.

Die Schriftstellerin enthält ihrer magischen Genauigkeit das Recht vor, vom Widerspruch ausgeschlossen zu sein. Sie besteht auf eine „pingelige“ Wahrnehmung. Der zweite Blick widerspricht dann dem ersten Anschein. Der dritte Blick folgt verdutzt dem vorsorglichen Nachschauen.

Radka Denemarková, „Stunden aus Blei“, Roman, auf Deutsch von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 32,-

Überall auf der Welt lassen sich unerklärte Kriege zwischen Neozoen und Endemiten beobachten. In Peking mausern sich Krähen als Verdrängerinnen der (wie kupierte Miniaturpfauen befiederten) Blauelstern. Radka Denemarková schwärmt aus:

Der Krieg zwischen der … Krähe und der Blauelster ist bereits im Gange. China ist ein Konzentrationslager mit undurchlässigen Grenzen. China ist ein blühender Garten.“

„Chinesische Social-Media-Nutzer im ganzen Land haben von ungewöhnlichen Sichtungen von dichten Krähenschwärmen … berichtet.“ Quelle

Die Schriftstellerin kommt auf ihre Dünnhäutigkeit zu sprechen. Sie läuft Gefahr, „die eigene Seele für die der anderen auszuhauchen“.

Sie erwähnt ihre „gelben Katzenaugen“.

Supersimulation bürgerlicher Freiheiten

Auf einer Party begegnet ihr ein Anwalt, der wegen offenherziger Meinungsäußerungen neun Monate arrestiert war. Jetzt bewegt er sich auf Bewährung in vorläufiger Pseudofreiheit. Die Schriftstellerin ordnet den Vorgang ein:

„Es gelten die Kollektivmeinung und die Regeln des kaiserlichen Hofs; ein Polizeistaat ist der Feind des Rechtsstaates und ein Herrscher stützt sich auf seine Armee und seine Beamten und Denunzianten.“

Steigert ein Überwachungsstaat die Metakognitionskompetenz?

Der Anwalt trägt einen futuristisch designten, ein hochwertiges Schmuckstück vortäuschenden Bewegungsmelder. Er füllt die Rolle eines akkreditierten Denunzianten aus.

Eine andere Perspektive

„Klar, wenn man in China dortige Plattformen nutzt, wird mitgelesen und mitgehört, das zu bestreiten wäre naiv.“ Christopher Jahn

Mit dem QR-Code von WeChat kann man Straßenhandels- und andere Kleingeldprodukte erwerben und Bedürftige mit einem Almosen beglücken. Gleichzeitig surfen chinesische Internetnutzer:innen in einer geschlossenen Sphäre, in der alles verboten ist, was „die nationale Sicherheit gefährdet“, einschließlich MeToo und die Hongkonger Demokratiebewegung. Die digitale Abschottung erzeugt einen eigenen virtuellen Kosmos, in dem nichts zu fehlen scheint, was im weltweiten Netz auftreibt. Von jedem Portal der Anglosphäre existiert eine chinesische Kopie als ein Tentakel der Überwachungskrake. In dieser Supersimulation bürgerlicher Freiheit fühlt sich der Programmierer pudelwohl. Radka Denemarková führt den Antagonisten der Dissident:innen und Skeptiker:innen eines totalitären Wirtschaftswunders als stolzen Besitzer einer Pekinger Firmenwohnung ein. Bekenntnisstark könnte er sich zur Armada frenetisch-linientreuer Blogger:innen rechnen, wäre er denn Chinese. Der linientreue Multiplikator/Meme-Macher Zhou Xiaoping fordert:

„Der Klang der positiven Energie soll der Hauptklang im Internet werden.“

Die chinesischen Anbieter:innen führen die Verbraucher:innen wie in einer verbesserten Welt am Draht-Version. Künstliche Intelligenz bestimmt das Kaufverhalten. Überwachungskameras erkennen Konsument:innen an ihren Mobile-Signalen.

Xi Jinping betrachtet sich als Großmeister der Digitalisierung. Bis 2025 will er „den Bedarf an Halbleitern zu 70 Prozent“ aus heimischer Produktion beziehen. Quelle

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Dampfmaschinen machten in England den Anfang der Beschleunigung. Die Vereinigten Staaten übernahmen die industrierevolutionäre Führungsrolle von Großbritannien. Hundert Jahre bestimmten sie den Kurs der sozialen Evolution. Xi Jinping betrachtet sich im grandios geblähten historischen Augenblick als Impresario der dritten Stufe. Sie definiert die Digitalisierung der Produktion. In China „haben 88 Prozent der (Breitbandnutzer:innen) einen Glasfaseranschluss, in den USA sind es 15,6 Prozent“. Quelle

Von Peking nach Prag

Auch der Programmierer ist ein expatriierter Tscheche. Den obersten Chef der Chines:innen sieht er durch die Brille seines persönlichen Erfolgs. Ihm geht es gut in Peking. Seine „Terrasse (will er) mit Blumen bepflanzen“. Mit seiner Tochter Olivie und seiner Frau reist er via Österreich nach Prag. Er „peitscht (Olivie) mit Fragen“ zur Habsburger Monarchie. Er bedauert, ihrer Entwicklung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Telefonisch versucht er die Schriftstellerin zu kontaktieren. Er erreicht sie nicht.

Auch die Schriftstellerin weilt in Prag. Sie vergleicht die chinesische Gegenwart mit dem Prager Frühling.

Aus der Ankündigung

Peking ist der Sehnsuchtsort für eine Gruppe von Europäern, die nach China kommen, um sich zu finden und ihr Leben in neue Bahnen zu lenken. Doch den Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung sind in dem kommunistischen Land starre Grenzen gesetzt. Die Begegnung mit chinesischen Dissidenten stellen ihre Wertvorstellungen auf die Probe, und sie alle geraten an einen dramatischen Wendepunkt in ihren Leben. Den Mittelpunkt dieser Gruppe bildet eine tschechische Schriftstellerin, die sich voller Überzeugung für demokratische Werte einsetzt und zum moralischen Leitstern für eine chinesische Studentin wird. Die gemeinsame Lektüre philosophischer Texte animiert die junge Frau schließlich zum politischen Widerstand – mit fatalen Folgen.

Zur Autorin

Radka Denemarková, geboren 1968, lebt als Autorin, Dramatikerin, Drehbuchautorin, Essayistin und Übersetzerin deutscher Literatur in Prag. Stunden aus Blei erhielt den Preis als Buch des Jahres 2019 und war in Tschechien ein Bestseller. Denemarkovás Werk wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Für ihren Roman Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (Hoffmann und Campe, 2019) wurde sie mit dem Spycher Literaturpreis Leuk 2019 ausgezeichnet.