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23.09.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Ralf Rothmanns Genie zeigt sich auch da, wo er sich so genau erinnert, dass er sich darauf verlassen kann, in den Kuhlen seines Gedächtnisses allein zu bleiben.

Caracalla im Schwitzkasten

Angeregt von Ralf Rothmanns vermutlich semi-fiktionalen Erzählung „Der dicke Schmitt“ habe ich dieses kleine Prosastück von mir ausgegraben.

Über Schnorrer – „Den kenn ich, der staubt bloß ab“ – konnte man sich aufregen. Diese studentische Großzügigkeit mit Zigaretten entsprach nicht der gesellschaftlichen Regel. Rundweg angeboten wurde selten. Der Kostenpunkt war ein Argument gegen das Rauchen. Erst wenn du dich in deinem Ferienjob bewährt hattest, hielt man dir auch mal das Päckchen hin – „Hier, nimm ruhig.“

Das kam unter Umständen väterlich. Das war schon fast eine Auszeichnung. Zwei Stäbchen wurden in der Packung locker geschnippt. Ein sorgenvoller Blick folgte im Zuge der Bestandsaufnahme. Man klopfte die Zigarette irgendwo auf. Alte Hasen schoben noch eine hinter das Ohr: links, denn rechts klemmte der Stift. Wer ohne Filter rauchte, hatte seine Zunge darauf abgerichtet, Tabakkrümmel von der Unterlippe zu zupfen. Kein Maurer rauchte Lord Extra. 

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3600

und

https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3594

Der Hausherr bricht das Brot. In der Erzählung „Der dicke Schmitt“ entspricht der Titelheld in seiner Rolle als Polier dem Patriarchen. Er bricht „ein Päckchen Ernte 23 aus der Stange“, um seinem besten Auszubildenden eine Zigarette anzubieten*. Auf der Baustelle herrscht Elmar wie ein obszön-cholerischer Diktator. Er spielt den Caracalla im Schwitzkasten.

Er hegt eine instinktive Abneigung gegenüber Leuten, die seine Vorstellungen „von Effizienz und Firmentreue nicht (teilen)“. 

Elmar garantiert die mit hohen Konventionalstrafen bewehrten Termine. Er brüllt seine multiethnische Mannschaft zusammen, um den Druck stabil zu halten, der auf dem ganzen Ensemble und so auch auf den „Geschniegelten“ in den Büros der Bauleitung lastet.

Ralf Rothmann, „Hotel der Schlaflosen“, Erzählungen, Suhrkamp, 22,-

Zwar wirkt Elmar gewaltig, dick ist er aber nicht. Der Spitzname verfehlt ihn mit letzter Konsequenz. So war es mitunter in den alten Zeiten. Ich erinnere einen, den wir Boxer nannten, da er genau einmal ins Training gekommen war. Der Generationsgenosse besaß viele Vorzüge und Eigenarten. Keine davon begründet seinen Ruf(namen).

Ralf Rothmanns Genie zeigt sich auch da, wo er sich so genau erinnert, dass er sich darauf verlassen kann, in den Kuhlen seines Gedächtnisses allein zu bleiben. Sein Blick auf den Polier geht durch den eben zum Gesellen aufgestiegenen Stift Simon, dessen Aufstiegswille sich in einem Fleiß manifestiert, der einen Bau(arbeiter)löwen wie Elmar beinah klassenkämpferisch zur Skepsis einlädt.

Der Erzähler hat neben der Lehre die Abendschule absolviert. Nun steht ihm ein Wechsel auf die Gegenseite des proletarischen Betriebs bevor. Das provoziert die niedrigen Instinkte, aber eben auch den Stolz des Meisters auf seinen besten Schüler.

Elmar verbirgt seine emotionale Spannweite, wenn er Simon zusammenscheißt. Er behält allerhand für sich. Von Elmars halbwaiser Tochter erfährt der Erzähler erst, als er Franziska auf einem Richtfest in Neuss begegnet. Gefeiert wird die Fertigstellung des Rohbaus eines Einkaufszentrums von erschlagender Hässlichkeit. Franziskas Liebreiz trifft den Maurer wie ein Schlag mit der Kelle.  

*

Jeder, der in den 1970er Jahren auf dem Bau gearbeitet hat, fühlt sich von Rothmanns Baubetriebsbeschreibungen heimgeholt. Noch berauschender sind die Stations(aus)schilderungen des Annäherungsspiels. Franziska lässt keinen Zweifel an ihrer Zuneigung. Simon rennt offene Türen ein. Er trägt dabei ins Extreme gekeilte Schlaghosen, genauso wie sie. Zusammen kommen sie nicht weit.

Franziska bleibt hinter Simons hochgespannten Erwartungen zurück. Eines Abends besucht ihr Vater seinen Gesellen. Die Männer hören Think for Yourself

Eingebetteter Medieninhalt

*Aus meiner Prosaproduktion

Den ersten Zungenkuss kann man vergessen, den ersten Lungenzug nicht, so wenig wie die Standorte wichtiger Zigarettenautomaten in der Frühphase des Rauchens. Hunde wurden dorthin ausgeführt. Weiblicher Siedlungsnachwuchs traf sich dort. Er roch nach Nivea.

Eine Ahnung, wie es ist, erwachsen zu sein, bekam ich, wenn ich abends aus dem Haus ging, um Zigaretten zu ziehen. Ich war Camelraucher wie mein Onkel, und in der Entscheidung für diese Marke offenbarte sich die ideologische Differenz zum Marlboromann als dem anderen. Auf der Camellinie hatte die Vernunft Vorfahrt.

Angestrebt wurde der Genuss ohne Reue. Auf die leisen Töne kam es an. Netzer stellte ich mir als Camel-Filter-Raucher vor. In der Welt meiner Jugend steckt viel Orange und Frottee. Das war eine Partykellerwelt, in der Hifi und Stereo wie Zauberworte funktionierten. Gern stand man unter großen Kopfhörern in Plattenläden. Alles war groß, auch die Ohrringe. Zur industriell gefertigten Zigarette sagte man korrekterweise Aktive – „Haste ma’ne Aktive fürn alten Mann?“ – im Gegensatz zur Selbstgedrehten, die viel Knastgeruch verströmte.

Overstolz rauchte kaum einer mehr. Die grünen Ecksteinpäckchen gab’s noch in jedem Automaten. Dem Malocher schmeckte Reval. Ich glaube, Roth-Händle war schon eine Intellektuellenzigarette. Für Roth-Händle mit Filter wurde viel geworben. Man kam aus dem Kino und zog sofort das zerknautschte Päckchen. Das war ein Ritual, bei dem du zuerst die Zigarette gerade biegen musstest, und dann bist du noch mit der Zunge über das Papier. Feuerzeuge besaßen Prestigewert: das kitschig vergoldete für den Duft der weiten Welt und das Armeesturmfeuergerät, auch Flammenwerfer genannt, für weite Wege, Freiheit und Abenteuer.

Kannte ich einen, der HB rauchte? Jedenfalls nicht persönlich. „Leicht“ war noch nicht Mode. Stattdessen durfte es von allem ruhig etwas mehr sein. Der Fortschritt kam mit der Hardbox. Die Arbeiterjugend verfügte über drei besondere Zigarettenverwahrorte: im Socken über dem Knöchel, wahlweise im Stiefelettenschaft, im T-Shirt-Ärmel als zweite Beule neben dem Bizeps und in einer Zusatztasche, die für den Kamm bestimmt war, auf dem Schlag der Hose.

Mitglieder der Schülerselbstverwaltung durften im SV-Raum rauchen. Alle anderen mussten in die Raucherecke auf dem Schulhof, unangenehm im Winter. Die Erweiterung der Raucherlaubnis auf andere örtliche Schulbereiche ergab ein Dauerthema. Der repressive Charakter der Schulleitung entschleierte sich in ihrer restriktiven Handhabung der Raucherfrage.

Über Schnorrer – „Den kenn ich, der staubt bloß ab“ – konnte man sich aufregen. Diese studentische Großzügigkeit mit Zigaretten entsprach nicht der gesellschaftlichen Regel. Rundweg angeboten wurde selten. Der Kostenpunkt war ein Argument gegen das Rauchen. Erst wenn du dich in deinem Ferienjob bewährt hattest, hielt man dir auch mal das Päckchen hin – „Hier, nimm ruhig.“

Das kam unter Umständen väterlich. Das war schon fast eine Auszeichnung. Zwei Stäbchen wurden in der Packung locker geschnippt. Ein sorgenvoller Blick folgte im Zuge der Bestandsaufnahme. Man klopfte die Zigarette irgendwo auf. Alte Hasen schoben noch eine hinter das Ohr: links, denn rechts klemmte der Stift. Wer ohne Filter rauchte, hatte seine Zunge darauf abgerichtet, Tabakkrümmel von der Unterlippe zu zupfen. Kein Maurer rauchte Lord Extra.