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19.01.2022, Jamal Tuschick

Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als „einen Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Mir gefällt die mechanistische Erklärung. 

© Jamal Tuschick

Verlogener Satansbraten

Ich platziere meinen Gast auf einer Eckbank aus massiver Kernbuche, die zu den Heimwerkerleistungen meines Urgroßvaters zählt. Sie steht auf der Fläche des ursprünglichen Wohnzimmers. Ich habe einen Raum schaffen lassen, der die Grundfläche einnimmt. Hundertvierzig Quadratmeter gestatten immer noch keine Ballsaalgefühle. Die Küche ist integriert.

Ich serviere Tee und meine letzten Island Bakery Shortbread Biscuits. Mein schottisches Gebäck biete ich einem Mann an, den ich gerade zum ersten Mal gesehen habe. Ich möchte mein Interesse zurückschrauben, kann mich aber nicht daran hindern, auch noch die Notration glutenfreier Bio-Haselnusskekse auszupacken. Früher rissen meine Vollgasaktionen Männer hin und manchmal, wenn ich es wollte, wirkten sie auch aufreizend, aber jetzt muss mich Malte doch für eine verdrehte Alte halten, die zu wenig Ansprache hat.

Malte sollte - so verwuschelt jugendlich, wie er mich gerade in Atem hält - noch nicht einmal dreißig sein.

Er sitzt sehr locker da. Arrogant ist knapp zu viel gesagt. Das Alter macht eine Frau angreifbar. Von wem ist das noch mal? Jedenfalls waren Männer früher, solange sie mit dem Anfang spielten, nicht so frei mir gegenüber wie Malte heute. Breitbeinig ignoriert er die guten Sitten und krümelt unbekümmert.

Ich beende das Schauspiel der vollendeten Gastgeberin. Wenn hier jemand nichts nötig hat, dann bin ich das. Malte schaltet sofort um. So beflissen wie ein Gymnasiast stellt er eine Frage zur Geschichte des Hauses. Bisher war noch jeder Gast bei seinem Antrittsbesuch bis zur Betäubung vom Skipperhus eingenommen. Ich lebe in einem Museum. Um die Relikte der Windjammer-Ära beneiden mich Fachleute. Das auffälligste Exponat ist ein begehbarer Schrank mit phantasmagorisch-ornamentalem Dekor. Das Ding ist bekrönt, verkröpft und mit Lisenen bedacht. Als Kind konnte ich mich daran nicht sattsehen. In der Familie kursierten widersprüchliche Deutungen der narrativen Sendung des Schnitzwerks. Heute hält sich niemand mehr mit den optischen Tricks der alten Meister auf, die unter anderem das Ziel verfolgten, eine Illusion von Bewegung zu erzeugen.

Malte erhebt sich. Er gibt sich den Anschein, von Neugier in Gang gesetzt worden zu sein. Ich habe mir einen Heuchler ins Haus geholt.

Warum vertrauen wir? Wo wurzelt das Gefühl?

Niklas Luhmann beschreibt Vertrauen als „einen Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“. Mir gefällt die mechanistische Erklärung. Ich schinde Malte mit Details. Historisch bedeutender und noch älter als sein Schauplatz ist ein hanseatischer Dielenschrank, ein Danziger Schapp mit Walnussbaumholzfurnier. Die Kugelfüße sind aus Ahorn. Eiche lieferte dem Schreiner das Blindholz. Zweifellos fehlt Malte der Anfangsverdacht einer Ahnung von dem, was ich ihm aufnötige, um ihn in seine Schranken zu weisen. Ich zitiere Hölderlins lyrische Einfälle zu den Eichen:

„Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen/ In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel.“

Malte gefällt sich jetzt ganz und gar in der Rolle des begeisterten Zuhörers. Er ist so ein Schauspieler, aber nicht von Beruf. Ihm fehlt das geringste Theaterwissen. Überspielt er mit Theatralik ein heimliches Kalkül? Verschwende ich mich gerade an einen verlogenen Satansbraten?

Was klemmt da?                                            

Malte legt eine Hand auf einen 1860 in Asnières hergestellten, monogrammierten Schrankkoffer. Die Rarität stammt aus der ersten Kofferbaureihe von Louis Vuitton, die Schubladen und Fächern sind nach den Bedürfnissen des Jetsets jener Tage eingerichtet.