MenuMENU

zurück zu Main Labor

20.09.2021, Jamal Tuschick

#DailyStorytelling

Narrativer Schwebebalken

An einem verhangenen Herbstsonntag vor bald einem halben Jahrhundert stieß ich auf dem Dachboden meiner aus Pappenheimgebürtigen, mit dem feministischen Vorbild Bertha Pappenheim verwandte Großtante Kolda Meyr auf ein versiegeltes Konvolut.  Im Schein einer Daimon Taschenlampe aus der Originalproduktion in der Weddinger Sellerstraße** erbrach ich den Siegel. Ich staunte nicht schlecht, da sich mir im Staub ein Schatz zu erkennen gab. Nun war ich also auf die Geheimaufzeichnungen der sagenhaften Lemona (vereinzelt auch Liguna und Leguna) Winchester gestoßen. Man nannte sie die schottische Colette. Sie hatte als Muse, Agentin und Akquisiteurin begonnen. Später stilisierte sie sich zur schriftstellernden Freifrau und Feministin antillischer Provenienz. Sie erschrieb sich ein Schloss, dass schließlich Kolda übernahm. Lemonas mikroskopische Handschrift veranlasste mich, Professor Molina Ballister mit einer verkehrsfähige Fassung zu beauftragen.

Heute rede ich über ein Werk von Lemona Winchester, das lange verschollen war.  

*„Eine jüdische Gemeinde entstand in Pappenheim im 14.Jahrhundert; die Marschälle zu Pappenheim hatten 1330 vom Kaiser Ludwig von Bayern das „Judenprivileg“ erhalten und forcierten die Ansiedlungen von Juden. Der erste sichere Beleg für jüdische Ansässigkeit in Pappenheim datiert aus dem Jahre 1381.“ Quelle

**„1913 ließ Paul Schmidt eine neue Produktionsstätte in der Weddinger Sellerstraße 13 errichten. Batterien und Taschenlampen wurden in Massenproduktion hergestellt und eroberten unter dem Markennamen Daimon die Weltmärkte.“ Wikipedia

Gestern in Pappenheim © Jamal Tuschick

Der Roman erschien zum ersten Mal 1907 unter dem Titel „Chance toxique“. Der Kern des Geschehens dreht sich um die Deklassierung eines belgischen Auswandererehepaars, dass auf halbem Weg zwischen Manaus und Belémin in Santarém an der Amazonasmündung des Tapajós sozialen Schiffbruch erleidet. Während Eefje de Fritt als Kassiererin in der weißen Sphäre eines Hotels nahe der Kathedrale Nossa Senhora da Conceição unterkommt und so den bürgerlichen Schein wahren kann, landet ihr Gatte jenseits der Armutsgrenze auf der Schwarzen Seite eines Kanals. Es geht zu wie in Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott.“ Es gibt keinen Auftrag mehr. Der Auftrag des mit dem Ansehen und den Aussichten eines Direktors Angereisten geht gemeinsam mit dem Ansehen in der Konkursmasse einer Konzernpleite verloren. Clais de Frit verdingt sich als Hafenarbeiter und verkommt auf einer Strecke vom weißen Ich zum Schwarzen Wir.

Lemona Winchesters rasiermesserscharfe Schilderung des Niedergangs einer bürgerlichen Person, die den Halt ihrer Klasse verliert und im Absinthrausch aus ihrem Herkunftskorsett schlüpft, liefert Clais' Lustgewinne an der Hintertür ab. Eine aus dem Fundus der Erotomanin Winchester gefischte Alandroala erscheint im Gauguin-Stil als Antagonistin der erstarrten, vom Vater an den Gatten weitergereichten Eefje. Die Legitime flüchtet sich erst in die Bigotterie und dann in die Obhut der Schankwirtin Mina. 

Winchester beschreibt die Ächtung des Belgiers vorderhand als Desaster und hinterhältig als Aussteiger:innenmärchen, in dem berufliches Scheitern zu privatem Glück dann doch nicht führen darf. Die Autorin vollführt ihre Kunststücke auf einem narrativen Schwebebalken. 

Wütender Stillstand - Was zuvor geschah

Siebzig Jahre nach ihrem Tod fand man die Geheimaufzeichnungen einer antillischen Freifrau. Nur die Macht des Zufalls konnte das Werk schützen, das nach dem Willen seiner Urheberin niemals auf uns gekommen wäre. Heute stößt sich kein Nachkomme mehr an den so kalten wie genauen Notizen, deren Vernichtung zweifellos mit Rücksicht auf eben solche verwandtschaftlichen Empfindlichkeiten testamentarisch verfügt wurde. 

„Nacht für Nacht quält mich ein Ansturm grauenhafter Gesichter.“

Das bekennt Leguna Winchester ohne Scheu am 27. August 1912 in Soulac-sur-Mer.

Bevor ich es vergesse. Mein ausgezeichneter Dank gilt an dieser Stelle Professor Molina Ballister, die Legunas (der postumen Tilgung anheimgestellte und diesem Frevel wundersam entgangene) Nebenproduktion für den schnellen Gebrauch präparierte. Bedenken Sie, dass Legunas Handschrift über die Spanne ihres vierzigsten Lebensjahrs hinaus nicht mehr verkehrsfähig war. Wenigstens ein Dutzend Krankheiten isolierte die Schriftstellerin. 

Leguna beschreibt ausdauernd die Aberrationen ihres Gestaltungs- und Darstellungszwangs. Sie schuf eine Reihe unauffälliger Freaks, die es mit Hitchcocks Psycho-Helden Norman Bates aufnehmen können. Sie gehen dem greisen Monster voran, das in einem Wildbader Sanatorium als letzte Verwandlung der Schriftstellerin in einem wütenden Stillstand existierte.

Der vierzehnjährige Marlon und seine zwei Jahre ältere Cousine Bersa sind solche (un)heimlichen Extremist:innen, fähig zu grandiosen Überschreitungen. Zur Vorgeschichte. Ein böses Schicksal haut die von einem Tag auf den nächsten voll verwaiste Arzttochter wie mit der Kelle aus dem bürgerlichen Biarritz. Bersa erlebt eine Art Deportation in die Provinz. Sie landet bei Marlons Familie in einem abseits stehenden „Maison du soleil plongeant“. Der gesellschaftliche Abstieg gipfelt in der Sprachlosigkeit. Marlons vor Ort verfemte Eltern sind in der Ächtung so verstummt, dass sie Bersa für Stumme von Geburt hält, bis sie absurd kaskadische Dialogfetzen aufschnappt.  

Die Alten können reden. Sie wollen aber nicht. Sie wirken arm; sind es aber nicht. Sie ignorieren Bersa, schränken sie aber nicht ein.  

„Maison du soleil plongeant“ entstand im Frühjahr 1901 an der französischen Atlantikküste. Der Roman konserviert arktische Kälte in einer verdüsterten Natur mit topografischen Lichtblicken. Für die Zwischenräume gilt:

„Die Landschaft hatte sich im Nebel davongemacht. Eine kaum ausgetretene, vielmehr flüchtige Spur führte Bersa und Marlon in schwarze Bestände. Cousine und Cousin fühlten sich wie Schwester und Bruder, so eng machte die Angst das Band.“

Legunas Verkopplung von Libido und Sprache macht sich unverdächtig in einer Genreliteratur mit guten Beziehungen zum Groschenroman. Bersa und Marlon landen bei einem gemeinsamen Onkel, der sich vor den jungen Verwandten aufspielt. Er stellt sich als wohlhabende Persönlichkeit dar. Am Ende entpuppt sich der Platzhirsch als Pleitegeier. Da hat er aber schon. Die Kinder, so erzählt es Winchester, bringen den Altenweißenmann easy um die Ecke. Nichts plagt sie, schon gar kein schlechtes Gewissen. Sie wichteln im Bett des toten Onkels. Die Leiche atmet derweil beinah noch auf dem Teppich. 

Bersa und Marlon breiten sich auf dem heruntergewirtschafteten Hof des Ermordeten aus. Ein pensionierter Förster schöpft Verdacht. Er folgt seiner Spürnase in sein Verderben.